Mein Baby braucht mich nicht – über die Entbehrlichkeit einer Mutter


Ich sitze in der S-Bahn und habe das Gefühl, meine Brüste würden jeden Moment platzen.
Sie sind riesengroß und tropfen leise vor sich hin. Warum? Weil schon seit 5 1/2 Stunden kein kleines Baby mehr Milch aus ihnen getrunken hat – mein kleines Baby, das ich genau heute vor drei Wochen zur Welt gebracht habe. Und nun ist also der Tag, an dem ich zum ersten Mal für längere Zeit von ihm getrennt bin. Ich war nämlich gerade in der Universität und habe zwei Veranstaltungen besucht. Ein wirklich schönes Gefühl! Es tut einfach gut, wenn der Kopf mal wieder mit anderen Fragen gefüttert wird, als solchen, ob der Babystuhl eine gesunde Farbe oder das Kleine heute schon sein Vitamin D bekommen hat.

„Ahaa. Und wie willst du das machen?“,
fragt mich die Hebamme des Geburtsvorbereitungskurses, als ich erzähle, dass ich ab Oktober mit meinem Masterstudium beginne. Kurz zuvor hatte ich meinen errechneten Geburtstermin im November verraten. Ich werfe einen Blick zu dem Menschen links neben mir – er ist zu gleichen Teilen für meinen dicken Bauch verantwortlich wie ich: „Naja, ich bin ja nicht alleine.“ Später werde ich erzählen, dass mein Partner und ich uns das Stillen teilen werden. Irgendeiner*m Teilnehmer*in rutscht ein kleines, schnaubendes Lachen raus. Ich bin mir sicher, es ist nicht böse gemeint. Es zeugt lediglich von Überraschung. Überrascht sind mein Partner und ich auch, allerdings von dem Frauen- und Familienbild, das in diesem Kurs von allen Teilnehmenden und – gebenden gezeichnet wird: Die Mutter als das Wichtigste und schlicht Unersetzbare für ein jedes Baby. Ganz selbstverständlich ist sie es, die die meiste Zeit mit dem Baby verbringt. Die Rolle des Vaters wird wenig thematisiert und wenn, dann nimmt er eine ersetzbare „an- dieser-Stelle-kann-der-Papa-dann-auch-mal-helfen“ Funktion ein. Das Baby braucht zuallererst mal die Mutter und erst dann mit großem Abstand den Vater – diese Botschaft kommt immer wieder bei mir an. Diese Botschaft ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Und sie hängt mir zum Hals raus!

In diesem Text wird ausschließlich von einem Familienkonzept bestehend aus Vater, Mutter und Neugeborenem gesprochen. Das liegt daran, dass es mich selbst betrifft und entsprechend viel beschäftigt. Zudem ist es das einzige Konzept, das in unserem Geburtsvorbereitungskurs und auch in der (meisten) Literatur für Schwangere und Eltern, die mir unterkam, benannt wird und worauf ich mich beziehe. Selbstverständlich gibt es viele spannende, facettenreichere Familienkonzepte, zum Beispiel mit gleichgeschlechtlichen oder mehr als zwei Eltern und ich glaube, dass meine Gedanken auch oder gar besonders für solche Konstellationen relevant sind. Schließlich können Kinder auch ohne oder mit mehr als einer Mutter rundum zufrieden aufwachsen.

Überall begegnet sie mir: die große, übermächtige, unersetzliche Mutter.
In Gesprächen, in Büchern, in Filmen, in Foren – überall ist sie präsent. Sie hat Instinkte, Mutterinstinkte, und sie hat eine berechenbare Gefühlswelt: Während der Schwangerschaft schon entwickelt sie ein Band der Liebe zwischen sich und ihrem Baby, das keiner nachvollziehen kann. Sie hat Gelüste auf genau die Nahrungsmittel, die das Kleine jetzt braucht und kurz vor der Geburt packt sie der Nestbautrieb, der sie dazu bringt, völlig übertriebene Vorbereitungen zu treffen und dabei noch das ganze Haus zu putzen. Den Geburtsschmerz hat sie quasi sofort vergessen, sobald das Neugeborene in ihren Armen liegt, was sie im Übrigen immer für das Schönste der Welt hält, und augenblicklich durchflutet die frisch gebackene Mutter eine unbeschreibliche Liebe zu ihrem Kind, die mit nichts zu vergleichen ist. Im Wochenbett bekommt die Mutter dann den sogenannten Babyblues, auch Heultage genannt, und ab da weiß sie im Prinzip immer, was das Beste für ihr Baby ist, weil sie sich von ihrem Mutterinstinkt leiten lassen kann. Nichts davon, wirklich nichts, traf auf mich zu. Und ich habe Grund zu der Annahme, dass ich damit nicht alleine bin. Trotzdem existiert sie, diese Idee der Mutter. Und neben anderen Komponenten – wie Finanzen, Karriere oder Vorbildern – ist auch sie Grundlage für unsere Entscheidung, wie wir die Kinderpflege gestalten wollen. Schließlich wollen wir alle das Beste für unseren Nachwuchs. Und wenn das Beste nun mal die Mutter ist, …

Mutter Natur ist eine Sadistin!
Orientierte ich mich an der Hebamme unseres Geburtsvorbereitungskurses oder auch an so manchem Standartwerk für frischgebackene Eltern, muss ich zu der Erkenntnis kommen: eine Mutter ist unersetzlich. Ganz klar, in den ersten Lebensmonaten sei sie eigentlich das einzige, was ein Baby braucht. Schließlich könne ihre Stimme das Baby am besten beruhigen. Schließlich sei ihr Geruch für das Baby das Vertrauteste. Schließlich könne nur sie dem Baby die beste Nahrung anbieten. Und überhaupt und sowieso, eine Mutter ist nun mal von Natur aus, das Allerallerwichtigste für ein Baby. Dabei fällt auf, dass dieses Ordnungsprinzip immer wieder durch die Natur legitimiert wird, die sich schließlich bei allem immer „etwas gedacht“ habe. Doch die Natur denkt nicht! Die Natur ist. Wir Menschen denken. Und darum können wir Menschen natürliche Ungerechtigkeiten oder Unbequemlichkeiten aus der Welt schaffen. Ich muss keine Geburt ganz ohne Schmerzmittel überstehen, nur weil „die Menschen vor 100 Jahren das ja auch hinbekommen haben“ oder „die Natur das schon so eingerichtet hat, dass das auch ohne geht“. Die Natur richtet nämlich nicht ein, sondern passiert. Und so ist es passiert, dass der Mensch ein immer größeres Gehirn entwickelte und Babyköpfe fetter und fetter wurden, bis sie irgendwann 1/3 des Babys einnahmen, während der Geburtskanal durch den aufrechten Gang eher schmaler wurde und dadurch eine Geburt mittlerweile zu einer krass schmerzhaften Angelegenheit für Menschen geworden ist – während bei Katzen beispielsweise die Babys einfach lässig hinausgeflutscht kommen.

Stillen kann jede*r
Heutzutage können wir zum Glück nicht nur etwas gegen den Geburtsschmerz tun, sondern wir können auch das Ungleichgewicht, das die Natur zwischen Eltern „eingerichtet“ hat, ausgleichen – wenn wir wirklich wollen. Zum Beispiel indem wir (wenn es funktioniert) Milch abpumpen oder mit Fertigmilch füttern und uns auf diese Weise das Stillen teilen. Im Endeffekt ist das nämlich die einzige Aufgabe, die ein Vater nicht ohne weiteres erfüllen kann. Während der ersten Woche nach der Geburt, hat mein Partner einfach alle Aufgaben rund um Baby und Haushalt übernommen, außer eben das Stillen. In der zweiten Woche machten wir erste Versuche mit dem Abpumpen und in der dritten konnte der Vater schließlich das Hungerbedürfnis seines Babys zum ersten Mal alleine stillen. Wunderbar! Und obwohl ich unsere Idee, alle Aufgaben fair untereinander aufzuteilen, ganz und gar unterstütze, kam völlig unerwartet ein merkwürdiges Gefühl in mir auf, als ich dieses erste Stillen mit Flasche beobachtete. Kein gutes Gefühl, ähnlich dem der Eifersucht. Ich war ersetzbar geworden! Und ersetzbar zu sein, fühlt sich (im ersten Moment zumindest) nicht gut an. Im zweiten Moment aber schon, denn es bedeutet auch Freiheit. Für mich persönlich ist es die Freiheit mit Baby zu studieren. Die Idee der unersetzbaren Mutter schränkt im Übrigen nicht nur Frauen ein, sondern natürlich auch Männer. Wie viele Väter haben vielleicht die Chance verpasst von den ersten Atemzügen ihres Kindes an eine intensive Vater-Kind-Beziehung aufzubauen, weil sie die traditionellen Elternrollen nie hinterfragt haben?

Und damit zurück zu meinen zum zerreißen gespannten Milchbrüsten:
Vorfreudig stoße ich die Tür auf und da sitzen sie: er zurück gelehnt auf dem Sofa mit einem Buch in der Hand und auf seiner Brust schläft glücklich und zufrieden das kleine Baby. Beiden geht es prima! Das Kleine hat von seinem liebevollen Vater in den letzten Stunden alles bekommen, was es braucht: Nahrung, Pflege, Kuscheleinheiten. Sofort schnappe ich mir das Baby, um es anzulegen. Und dabei kommt mir der Gedanke, dass ich das Kleine gerade viel mehr gebraucht habe, als es mich. Nicht nur wegen der vollen Brüste – ich habe es schlicht vermisst.

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