Ein vermaledeiter Abschiedsbrief


„Soll ich dir mein größtes Lebensziel erzählen?… Ich will unsterblich werden.“

Das hast du mir vor ein paar Monaten in einem Brief verraten. Ein Brief voller Liebe, Humor und Ideen. Meine Antwort habe ich lange vor mir her geschoben. Der Alltag hat sie verschluckt. Und nun kann ich sie dir nicht mehr zukommen lassen. Nun bist du gestorben. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis diese Nachricht in mich eingedrungen ist, bis ich ihre Konsequenz fühlen konnte. Mittlerweile hat sie mich ganz durchdrungen und schüttet jeden Tag aufs neue kalte Gewissheit in mein Herz. Das schmerzt.

Oft versuchen wir dem Tod Sinn zu verleihen. Wir stellen uns Schmerzen, Leid, Einsamkeit oder Fremdbestimmung vor, die durch den Tod genommen oder verhindert wurden. Der Tod wird so zur Erlösung und damit irgendwie gut. So fällt es leichter zu akzeptieren, dass ein Mensch nicht mehr ist. Bisher konnte ich dem Tod lieber Menschen und meinen schmerzenden Gefühlen immer Sinn geben. Bei dir ist es anders. Dein Tod hat keinen Sinn. Er kam plötzlich und unerwartet. Zwei Schritte anders gesetzt und du würdet vielleicht noch leben. Nein. Da ist kein Sinn. Dir wurden keine Schmerzen genommen, kein Leid – dir wurde ein ganzes Leben genommen.

Du bist einer der außergewöhnlichsten Menschen, die ich kenne. Ich habe versucht Freunden zu beschreiben wie du bist. Wie du warst. Doch mir fehlen schlicht die Worte. Ein Mensch voller Liebe und voller Hass. Mit größerem Hang zur Liebe. Ein Meister des Schauspiels und gleichzeitig so echt, zu allen um dich herum. Ein grandioser Musiker. Ein Künstler. Ein Herzmensch. Geprägt von einem grotesk-klugen Humor.

Ich habe darüber nachgedacht, welche Bedeutung du für mich und mein Leben hast. Eine liegt auf der Hand: durch dich wurde Schule damals zu einem erträglicheren Ort und Meerane – oder wie du es passender nanntest: Güllen – ein bisschen weniger borniert. Außerdem hast du mich zu System Of A Down gebracht – manche ihrer Songs sing ich meinem Kind heute zum Einschlafen vor. Es gibt also ganz offensichtliche Spuren von dir in meinem Leben. Unter der Oberfläche sind da aber mehr und viel bedeutsamere Aspekte, wie unsere Freundschaft subtil auf mich und mein Denken gewirkt hat. Du hast mich nämlich mehr geprägt, als du selbst je annehmen würdest.

Gesellschaft samt ihrer Konventionen hast du immer in Frage und Normen auf den Kopf gestellt. Alles und jede*n hast du dekonstruiert – deine Kunst ist ein wunderbares Zeugnis davon. Ich muss an ein Foto von dir denken, das du für die Rückseite einer deiner pop mietz blödsinn EPs gewählt hast. Du stehst oberkörperfrei da und r̶̶a̶̶u̶̶c̶̶h̶̶s̶̶t̶̶,̶̶ ̶̶t̶̶r̶̶i̶̶n̶̶k̶̶s̶̶t̶̶,̶̶ ̶̶g̶̶u̶̶c̶̶k̶̶s̶̶t̶̶ ̶̶s̶̶e̶̶x̶̶y isst ein Brötchen. Grandios! Auch Männlichkeit hast du gern dekonstruiert. Tatsächlich warst du der erste Typ, den ich kennenlernte, der dieses Konstrukt bewusst angegriffen hat: mit Witz, Empathie & Nagellack.

 

„Diese Lady ist ein Punk. Dieser Herr ist ein Schrank. Ich vernasch‘ sie beide.“

Diese deine Art hat mich immer angezogen und fasziniert. Sie war etwas Besonderes. Vor allem für die sächsische Provinz. Du warst besonders – fabelhaft außergewöhnlich. Lebenshungrig. Grenzüberschreitend. Und damit hattest du Einfluss auf mich und auf das Fundament, von dem aus ich zum Teil noch heute diese Welt betrachte.
Ich bin dankbar für unsere Freundschaft.
Verdammte Scheiße, Mardt! Du bist einer von den Menschen gewesen, die diese abgefuckte Welt ein bisschen besser gemacht haben. Du hast dich immer von Liebe und Leidenschaft lenken lassen.
Als Künstler, als Freund, als Mensch eben.

Ich stelle mir gerade vor, wie du diese Zeilen liest und dich über die ein oder andere kitschige Formulierung kaputt lachst. Sorry for that! Mit Worten kann ich eh weder dir, noch meinen momentanen Gefühlen irgendwie gerecht werden. Worte können dich einfach nicht einfangen – zumindest meine nicht. Ich habe in den letzten Tagen alte Songs von dir gehört und sie haben mich gleichzeitig zum Weinen und zum Lachen gebracht. Ich liebe deinen Humor! Es tut gerade gut, dir auf diese Weise ein bisschen nahe zu sein. Es tut gut mit dir zusammen zu lachen.

Wann stirbt ein Mensch endgültig? Ab wann ist ein Mensch unsterblich? Keine Ahnung. Irgendwas mit Erinnerung und Vergessen, mit Ruhm, Erfolg und Lebenswerk. Ich weiß nicht, was genau für dich Unsterblichkeit bedeutet hat.

Für mich persönlich bist du längst unsterblich, Mardt.
Du lebst in deiner Musik.
Und so lange sie gehört wird, bist du irgendwie noch da.

 

Ich hab dich auch lieb.

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Von Herzen Danke!
Und du hast Recht. Keine Worte können ihn beschreiben. Für Außenstehende ein Mysterium zu verstehen – für uns ein Teil Wissen des Herzens <3

Ja, der Einstieg war in der Tat kitschig. Aber ab dem dritten Absatz hast du sein Wesen völlig treffend beschrieben. Für mich ist er auch unsterblich, denn nicht nur wird er in seiner eigenen Musik weiterleben, sondern auch in meiner und der der vielen anderen Künstler, die er nachhaltig prägte. Jeder Snareschlag, jeder Downstroke, jede Vokalise wird ihm gelten, denn egal wie clever man Worte kombiniert – die Musik war seine Muttersprache. Und die will ich nie verlernen.
∞♬ pd ♬∞

4 Kommentare

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