Das dritte Himmelreich – Luther als wichtiger Wegbereiter des NS


Jubiläen sind stets ein guter Zeitpunkt, um sich kritisch mit dem zu feiernden Gegenstand auseinanderzusetzen. Meist geschieht leider das genaue Gegenteil, so auch bei Martin Luther. 500 Jahre sind vergangen, seit er mit seinem Thesenanschlag in Wittenberg die Reformation eingeleitet hat. Es wird Zeit den heldenhaft verehrten Reformator als das zu begreifen, was er tatsächlich war: ein entscheidender Wegbereiter des Nationalsozialismus.

Selbst die evangelische Kirche verfasste in diesem Jahr den ein oder anderen Text, der Luther „kritisch“ würdigte. Vornehmlich befassten sich diese mit seinen sogenannten „Judenschriften“. Ganz besonders forsche Artikel (und eine Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors – ein kurzer Kommentar dazu kommt demnächst) setzten sich gar mit der Rezeption Luthers im NS auseinander. Das geht allerdings alles nicht weit genug.

Typische Abwehrmechanismen

Dass es zu Zeiten des Nationalsozialismus Kirchenvertreterinnen und -vertreter gab, die sich explizit etwa auf Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ beriefen, ist überliefert. Auch, dass führende Nationalsozialisten Luther ins Felde führten, um ihren Antisemitismus zu unterfüttern, ist unstrittig. Innerhalb der evangelischen Kirche wird auf zweierlei Weise mit diesen Tatsachen verfahren. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass Luther mit seinem Hass auf das Judentum in der damaligen Zeit keine Ausnahme darstellte. Es handelt sich bei Luther allerdings nicht einfach um einen Träger des damals tatsächlich recht verbreiteten christlich geprägten Antijudaismus, sondern seine Argumentation lässt etwas anderes durchblitzen, was vielmehr mit dem (damals so noch nicht existenten) Begriff Antisemitismus zu bezeichnen ist. Die These soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, wird aber für Interessierte z.B. hier kurz angerissen.

In der Logik der Luther-Apologetinnen und -Apologeten ist dieser Aspekt eng mit dem zweiten Argument verbunden: man dürfe Luther seinen Hass nicht so krummnehmen, da er in seinen späten Jahren schlicht ein gebrechlicher, von Schmerzen geplagter Mann gewesen sei, der sich seinen Frust von der Seele schrieb. Der Hass auf Jüdinnen und Juden wird – wie so oft, wenn es um Antisemitismus geht – als Vorurteil und Randnotiz von den sonstigen Charaktereigenschaften der Person abgespalten.

Das Land, in dem Arbeit frei macht

In diesem Beitrag wird es aber um einen anderen Aspekt gehen, der zunächst unverdächtig daherkommt und gleichzeitig viel tiefer greift: Luthers Arbeitsethik. Bis heute prägt diese stark deutsche Vorstellungen zu Arbeit – auch wenn in den letzten Jahrzehnten über den angelsächsischen bzw. amerikanischen Raum calvinistische Ansichten Einzug hielten. Für die hier besonders relevante Zeit der 30er und 40er Jahre gilt diese Einschränkung nicht.

Die zentrale These ist, dass der Arbeitsbegriff Luthers durch seine massiven Auswirkungen auf das Denken und Handeln der Menschen in Deutschland eine wichtige Rolle dabei einnahm, den Weg zur Shoa zu ebnen. Damit soll weder behauptet werden, dass Luthers Lehren zwangsläufig zum industriellen Massenmord führten, noch, dass nur er und ein paar verrückte Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten, die an ihn anknüpften (teils bewusst, teils unbewusst) dafür verantwortlich seien. Dennoch: ohne den Puzzlestein des deutschen Volkes, das trotz entbehrungsreicher, ehrlicher, eben deutscher Arbeit, nicht vorankommt, da es von den Jüdinnen und Juden um den Ertrag gebracht wird, wäre die Vernichtung nur schwer denkbar gewesen. Und diese wahnhafte Einstellung zur Arbeit, lässt sich auf Luther zurückführen.

Protestantismus und Nationalsozialismus – empirische Belege einer Verbindung

Quelle: Spenkuch, J./Tillmann, P.:Who voted (and didn’t) for Hitler, and why?, 2017

Um Interesse am Verhältnis von Protestantismus und Nationalsozialismus zu bekommen, braucht es keinerlei theoretische Ableitung. Ein Blick auf die Empirie reicht völlig: die Landkarte zeigt die Verteilung der NDSDAP-Stimmanteile, die zweite den Anteil der katholischen (und damit spiegelbildlich auch der protestantischen) Bevölkerungsanteile. Worauf hier optisch schon hingewiesen wird, lässt sich mit anderen empirischen Daten noch weiter unterstreichen: Menschen protestantischen Glaubens wählten Hitler und die NSDAP mit doppelt so großer Wahrscheinlichkeit, wie Menschen katholischen Glaubens.

Ein weiterer Beleg für die Nähe von Protestantismus und NS ist die Gründung der Bewegung der Deutschen Christen, die bereits 1932 stattfand und auf jahrzehntelange theologische Arbeit hin zu einer arischen Kirche aufbaute. Der Rückhalt für die nationalsozialistischen Christen war groß und bis 1933 schloss sich ein Drittel der gesamten Pfarrerschaft der Gruppe an. Ja, das bedeutet zwei Drittel taten es nicht – aber ein Drittel derer, die von der Kanzel zu ihren Schäfchen sprachen und gemeinhin mit Begriffen wie „Nächstenliebe“ assoziiert werden, fühlten sich von Programmpunkten angezogen, wie:

„Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen. […] Daher ist der Rassenvermischung entgegenzutreten. […] In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. […] Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten.“ ( Scholder, K., Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1. Frankfurt 1977, S. 277)

Arbeitsbegriff im Wandel

Der Begriff der Arbeit lief seit der Antike eine Wandlung durch. Sangen so berühmte Männer wie Homer und Aristoteles noch Hohelieder auf den Müßiggang, ohne Gefahr zu laufen von der Gesellschaft als ‚asozial‘ gebrandmarkt und ausgestoßen zu werden, wendete sich mit dem aufkommenden Christentum das Blatt. Von einer Sache, die es zu meiden galt, wurde eine, ohne deren Erfüllung nicht überlebt werden sollte: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, heißt es beispielsweise bei Paulus (hier sieht man, wie traditionsbewusst die Sozialdemokratie ist – Franz Müntefering im Jahr 2006: „Nur wer arbeitet, soll auch essen!“).

Luther bezieht sich explizit auf Paulus und unterstreicht zusätzlich, dass der Müßiggang Sünde sei. Umgekehrt ist Arbeit nicht mehr nur Mittel zum Zweck, also dem Überleben, sondern wird im wahrsten Sinne des Wortes zum Gottesdienst. Der oder die Einzelne verhält sich nur gottgefällig, wenn er oder sie hart schuftet. Denn Luther meint damit tatsächlich Arbeit nah am ursprünglichen Wortsinne, nämlich Mühsal oder Plage. Arbeit ohne Schweiß war ihm dieses Wort nicht wert – und folglich ein Betrug an Gott.

Welche Art von Arbeit jede und jeder Einzelne ausübt, ist dabei völlig unermesslich für die gottgefällige Pflichterfüllung. Diese steht auch gar nicht im Einflussbereich des Individuums, sondern ist von Gott vorbestimmt – er oder sie ist eben berufen (hier kommt der bis heute gebräuchliche Begriff „Beruf“ im Deutschen her). Disziplin, Fleiß und Pedanterie sind seitdem die Kennzeichen deutscher Arbeit und werden bis heute mit diesem Land und seinen Leuten assoziiert – von innen, wie von außen.

Herausragende Leistungen im Beruf sind in Luthers Lehre allerdings kein Weg, einen besseren Start im Himmelreich zu ermöglichen, was ihn stark von Calvin, einem anderen wichtigen Reformator dieser Zeit, unterscheidet. Calvin versteht Erfolg im Berufsleben als klares Zeichen für gottesgefälliges Handeln. Gepaart mit der Vorschrift eines asketischen Lebens, bringt dies Max Weber im 20. Jahrhundert zu der vielbeachteten These, dass der Protestantismus (vornehmlich der calvinistischer Prägung) den modernen Kapitalismus hervorgebracht habe. Dieses Karrierestreben bleibt Luther völlig fremd, für ihn hat jede und jeder einen Platz in der Welt und sich der Unterdrückung durch andere zu fügen, da ein Auflehnen gegen jegliche Obrigkeit Sünde wäre.

Verschwörung gegen die „ehrliche“ Arbeit

Völlig Suspekt sind Luther die Mechanismen, die er abseits „ehrlicher“ Arbeit, etwa im Warenhandel, beobachtet, z.B. marktwirtschaftliche Preisfindung oder Geldverleihen. Da letzteres per Bibelspruch verboten ist, identifiziert er diese „Wucherer“ ohne weitere Umschweife mit dem Judentum. Die nationalsozialistische Unterscheidung von raffendem und schaffendem Kapital hat hierin einen zentralen Ursprung.

Für die Nationalsozialisten war Arbeit ein zentrales und in unterschiedlichsten Zusammenhängen aufgegriffenes Topos. Die erste größere Rede, die Adolf Hitler im Kontext der NSDAP Ende 1920 hält, trägt den Titel „Warum wir Antisemiten sind“ und argumentiert an Beginn und Ende mit dem Betrug der Deutschen um die Früchte ihrer Arbeit, durch die jüdische Verschwörung. Und auch im ebenfalls 1920 veröffentlichten 25-Punkte-Plan der NSDAP, ihrem Grundsatzprogramm, heißt es beispielsweise in den Punkten 10 und 11:

„10. Erste Pflicht jeden Staatsbürgers muß sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des Einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muß im Rahmen des gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.

Daher fordern wir:

11. Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens.

Brechung der Zinsknechtschaft!“

(25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (24.02.1920), in: documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http://www.documentArchiv.de/wr/1920/nsdap-programm.html; Hervorhebung im Original)

Ein weiterer Hinweis für die wichtige Rolle der Arbeit, ist, dass der 1. Mai seit 1933 zum Feiertag wird – ein Jahr später sogar zum Nationalfeiertag. Selbstverständlich – hierbei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich auch um machtpolitisches Kalkül handelt, um eine skeptische ArbeiterInnenbewegung hinter sich zu scharen. Dennoch ist dies nicht der Hauptgrund, warum dieser Tag zum Nationalfeiertag wird – die Ideologie weist den Weg. In der NS-Argumentation wird versucht, die sozialistische noch zu übertrumpfen, indem behauptet wird, diese würde die Arbeiterinnen und Arbeiter als eine niedere Klasse herabwürdigen. Der NS nun, würde ihnen endlich die Anerkennung zukommen lassen, die ihr durch ihre treue Pflichterfüllung gegenüber dem deutsche Volk gebühre. Im Alltag bedeutete dies beispielsweise, dass Arbeit in Gedichten, Liedern, Theaterstücken usw. immer mehr zum zentralen Gegenstand erhoben wurde.

Die Darstellung der Relevanz der Arbeit für die NS-Ideologie, könnte noch erschöpfend weitergeführt werden – für unsere Zwecke soll es aber mit einem letzten Aspekt reichen: den Konzentrationslagern. Die zuvor positive Besetzung des Begriffes Arbeit, wird für auszugrenzende Gruppen zum Gegenteil, nämlich zum Mittel zur Vernichtung. Die zynisch über den Lagertoren prangende Losung „Arbeit macht frei“ oder vielfache Berichte über sinnlose, schwere Aufgaben, deren Ergebnis direkt vor den Augen wieder zerstört wurde, sind Beispiele dafür, wie Menschen mit Arbeit psychisch und physisch gebrochen werden sollten. Dass gerade Jüdinnen und Juden in den Lagern besonders erbarmungslos in unmenschliche Arbeitseinsätze getrieben wurden, ist etwa hier beispielhaft für das KZ Dachau beschrieben. Diese Berichte gleichen sich jedoch überall: die, denen Ausbeutung durch unehrliche Arbeit vorgeworfen wird, sollen durch körperliche Arbeit vernichtet werden. Die Soziologin Irmgard Weyrather schreibt dazu:

„Die Arbeit der Deutschen ist Gottesdienst und gleichzeitig ein Kampf gegen die unterstellte Arbeitsauffassung der Juden. Innerhalb des Nationalsozialismus als politischer Religion bekommen die Juden so auch beim Thema Arbeit die Funktion des Teufels: Deutscher Arbeitsdienst ist Gottesdienst und gleichzeitig Bollwerk gegen die Juden. Die nationalsozialistische Arbeitsideologie grenzte besonders die Juden aus, sie wurde aber auch – mit veränderten Verleumdungen – gegen andere Gruppen propagandistisch eingesetzt, so z.B. gegen die slawischen Völker, indem diese pauschal als faul dargestellt wurden.“(Weyrather, I.: „Deutsche Arbeit“ – Arbeitskult im Nationalsozialismus, 2004, S. 34)

Antisemitismus als Grundlage der NS-Ideologie

Wer versucht, den Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit zu verstehen, musst von der jahrzehntelangen Praxis Abstand nehmen, den eliminatorischen Antisemitismus als Randnotiz, anstatt als Basis anzunehmen. Wenn selbst in der späten Kriegsphase, in der eigentlich jede Ressource im Kampf gegen die Alliierten gebraucht worden wäre, enorme Anstrengungen unternommen werden, um jüdische Männer, Frauen und Kinder über tausende Kilometer zum Ort Ihrer Vernichtung zu transportieren, dann handelt es sich bei der Ursache nicht um eine Nebensächlichkeit.

Mit dieser Unterschätzung der Relevanz des Antisemitismus geht häufig ein falsches Verständnis desselben einher. Um ihm nahe zu kommen, muss klar sein, dass es sich dabei nicht um eine spezielle Spielart des Rassismus, ein bloßes Vorurteil handelt. Der moderne Antisemitismus ist seit dem 19. Jahrhundert ein Mindset, dass eine umfassende Erklärung für unterschiedlichste unverstandene und (teilweise) unsichtbare Prozesse in Gesellschaften anbietet.

Der amerikanische Historiker Moishe Postone hat sich grundlegend mit dem Begriff des Antisemitismus auseinandergesetzt und wichtige Elemente identifiziert. Nach ihm baut der Antisemitismus auf einer jahrhundertealten antijüdischen Stimmung in Europa auf. Jüdinnen und Juden zum Sündenbock für alles Mögliche zu machen, ist so alt wie das Judentum in der Diaspora. Während den Jüdinnen und Juden jedoch zunächst „nur“ die Schuld an konkreten Ereignissen, wie Epidemien (Mythos Brunnenvergiftung) oder verschwundenen Kindern (Mythos Kindesraub), gegeben wird, ändern sich die Angriffspunkte mit der Industrialisierung und dem Aufkommen des Kapitalismus. Bereits im Mittelalter wird das Judentum mit dem Geld assoziiert, was zum einen in Berufsverboten in unterschiedlichsten Bereichen für Jüdinnen und Juden begründet liegt und zum anderen daran, dass das Christentum für sich selbst ein Verbot des Geldverleihens aus der Bibel ableitete. Da es ohne geliehenes Geld aber nicht ging, kamen die Jüdinnen und Juden als Geldquelle gerade recht. In Wirklichkeit lebte ein übergroßer Teil der Jüdinnen und Juden in ärmlichen Verhältnissen und war in Handwerksberufen oder der Landwirtschaft tätig. Dieser Aspekt wurde völlig verleugnet, einige antisemitische Vordenker, wie etwa Theodor Fritsch und Eugen Dühring (letzterer hatte großen Einfluss auf und viele Anhänger in der noch jungen SPD), behaupteten gar, körperliche Arbeit sei im Judentum durch religiöse Gesetze verboten.

Der frühe Kapitalismus fällt in eine Zeit, in welcher Jüdinnen und Juden in vielen Staaten Europas mehr Rechte eingeräumt werden. Sie drängen, nachdem sie vorher von vielem ausgeschlossen blieben, vor allem in neu entstehende Berufe, werden somit mit dem Neuen und Unbekannten assoziiert. Im Unterschied zum Rassismus, der sich meist auf konkrete, sichtbare Eigenschaften bezieht, knüpft der Antisemitismus an ein Gefühl der hintergründigen Weltenlenkung an. Das Judentum wird zum Urheber der schlechten Auswirkungen der aufkommenden Industrialisierung, also etwa „explosive Verstädterung, der Untergang der traditionellen sozialen Klassen und Schichten, das Aufkommen eines großen, in zunehmendem Maße sich organisierenden industriellen Proletariats und so weiter.“ (Postone, M: Antisemitismus und Nationalsozialismus, 2015, 180f.) Wie tief die Idee der jüdischen Weltverschwörung geht, zeigt beispielsweise ein Plakat der NSDAP: der als John Bull personifizierte, kapitalistische Westen und der bolschewistische Politkommissar im Osten, sind beide zwar als mächtige Figuren dargestellt – letztlich aber nur Marionetten. Das Judentum verantwortet also beides. Dass solche Imaginationen möglich waren, liegt unter anderem auch darin begründet, dass in allen Staaten Europas Jüdinnen und Juden lebten, also präsent und sichtbar waren – allerdings überall als Jüdinnen und Juden galten und nicht als Deutsche, Franzosen, Polen und so weiter.

Von raffendem und schaffendem Kapital

Der Nationalsozialismus darf nun nicht als tatsächlich antikapitalistische Bewegung missverstanden werden. Die Industriearbeit ist – obschon kapitalistisch organisiert – Nachfolgerin des Handwerks und damit das Gute und zu huldigende. Negativ und zu bekämpfen sei dagegen nur die abstrakte Seite, das was nicht gefasst werden kann, aber eben (durch nicht genauer beschriebene Handlungen) die krisenhaften Aspekte des Kapitalismus zu verantworten hätte. Anfänglich durchaus vorhandene antikapitalistische Bestrebungen innerhalb der NSDAP waren spätestens mit der Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm im Jahr 1934 passé. Während man einerseits eine enge Bindung vor allem zur privaten Großindustrie pflegte, bildete das Finanzkapital auf der anderen Seite den großen Feind, den es zu vernichten galt. Anstatt, dass das konkrete (also das „schaffende“ Industriekapital) und das abstrakte (das „raffende“ Finanzkapital) als Bestandteile derselben Sache verstanden wurden, verstieg man sich in einem einseitigen Angriff auf das Abstrakte.

Etwas Abstraktes lässt sich aber nur schwerlich konkret angreifen. Die nötige Personifikation tritt dann in Gestalt des Judentums auf. Dieses wird nicht nur als Repräsentant einer Gruppe gesehen, die vom Kapitalismus profitiert, sondern als mit diesem identisch begriffen. Nach dieser im ersten Schritt verkürzten (Kapitalismus ist gleich Finanzkapitalismus) und im zweiten Schritt paranoiden Ableitung (Judentum ist gleich Finanzkapitalismus) steht am Ende der Wunsch nach Vernichtung derer, die die Deutschen um ihr (durch harte Arbeit wohlverdientes) Fortkommen bringen. Eine diffuse Wut auf etwas Abstraktes, wird auf eine konkrete Gruppe kanalisiert. Die Vernichtung muss daher gar nicht zwingend als etwas von irrationalem Hass geprägtes verstanden werden, sondern wird zur Notwehr stilisiert. So schreibt Hitler etwa 1920:

„In der Judenfrage ist unsere Stellungnahme unverrückbar festgelegt. Sie wird nicht bestimmt durch Momente des Fühlens (Gefühlsantisemitismus), sondern durch nüchternes Erkennen des Tatsächlichen. Danach wäre folgendes zu bemerken: Der Jude ist als Ferment der Dekomposition (nach Mommsen) losgelöst von gut oder böse des einzelnen Ursache des inneren Zusammenbruchs aller Rassen überhaupt, in die er als Parasit eindringt. Seine Tätigkeit ist Zweckbestimmung seiner Rasse. Sowenig ich einer Tuberkelbazille einen Vorwurf machen kann einer Tätigkeit wegen, die für den Menschen Zerstörung bedeutet, für sie aber Leben heißt, so sehr bin ich aber auch gezwungen und berechtigt, um meiner persönlichen Existenz willen den Kampf gegen die Tuberkulose zu führen durch Vernichtung ihrer Erreger. Der Jude aber wird und wurde durch Jahrtausende hindurch in seinem Wirken zur Rassetuberkulose der Völker. Ihn bekämpfen heißt ihn entfernen. Und erst nach seiner Entfernung wird der Kampf gegen den Judengeist und Mammonismus aufgenommen werden können.“(zitiert nach: Jäckel, E./Kuhn, A.: Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924, 1980, S. 156)

In diesem Kontext sind auch die häufig völlig ohne jegliche Gefühlsregung vorgetragenen Aussagen von NS-Verbrecherinnen und -Verbrechern zu sehen. Kaum eine Aussage zeugte von blindem Hass – sondern vielmehr von Pflichterfüllung. Dies ist zwar keinerlei Rechtfertigung nach außen – verrät aber viel über die Rechtfertigung der Täterinnen und Täter vor sich selbst.

Luther als Wegbereiter

Luther war sicherlich kein Nationalsozialist – er bereitete diesem aber auf verschiedenen Ebenen den Weg. Hier überhaupt nicht weiter verfolgt wurden seine Bejahung jeglicher Autorität (und das Verbot sich dagegen aufzulehnen), seine Auswirkungen auf eine deutsche Identitätsbildung (fernab des Arbeitsfetischs) oder seinen ganz offen ausgesprochenen Hass auf Jüdinnen und Juden, der auch ihre Vernichtung anspricht. Die Arbeit prägt das Verhältnis jedes einzelnen Individuums zum Alltag und tat dies in der Vergangenheit nur noch stärker als heute. Wie über selbige gedacht wird und welche Maßstäbe an sie gelegt werden, hat daher enormen Einfluss auf das gesamte Weltbild. Die Überbetonung von Fleiß und Pflichterfüllung bei Luther, die sich in der Folge auf breiter Front durchsetzt (sie ist schließlich in einer kapitalistischen Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad erfolgsversprechend), prägt bis heute unsere Vorstellung – zum Beispiel wenn wir von „den faulen Griechen“ sprechen, die doch bitte mal einfach ein bisschen weniger Urlaub machen sollen. „Dolce Vita“ klingt zwar wunderbar, wird in ernsthaften Debatten als Hedonismus oder Müßiggang aber zu des Deutschen Todfeind – und das ist ohne jegliche Vermittlung ganz im ursprünglichen Sinne Luthers.

Dass die Nationalsozialisten die Arbeit in derart zentraler Art und Weise als Argumentationsbasis für sich nutzen konnten, lässt sich bis zum Reformator zurückverfolgen. Er treibt den Bedeutungswandel der Arbeit als Dienst an Gott maßgeblich voran und schafft gleichzeitig das Negativum: wer sich anders verhält, handelt gegen den Willen Gottes! Ein Individuum, das nicht nur gegen meine persönlichen Interessen, sondern gar gegen den Willen meines Gottes handelt, ist – mit ein paar durchschlagskräftigen Argumenten an der richtigen Stelle – schnell nicht mehr lebenswert.

Wozu das alles?

Zum einen ist die Aufarbeitung des NS nach wie vor nur bruchstückhaft und damit auch die Fähigkeit, solche Entwicklungen in Zukunft zu verhüten. Noch immer hört man in etlichen Kontexten von 12 Jahren, die aus dem Nichts über die „arme“ deutsche Bevölkerung hereinbrachen und deren Ausgestaltung ab dem 8. Mai 1945 nur noch Relevanz für die Geschichtsbücher hatte, da die Menschen wundersam entnazifiziert waren. Dass es möglicherweise eine kontinuierliche Entwicklung hin zum nationalsozialistischen Staat und ebenso ein Fortwesen seiner Ideen danach gegeben haben könnte, ist nach wie vor eine wenig verbreitete Auffassung. Postone bemerkt zur Aufarbeitung nach 1945 süffisant: „Die starke Identifikation mit jener Vergangenheit wurde nicht überwunden, sondern einfach unter Unmengen von Volkswagen begraben.“

Doch nicht nur um zu einer besseren Aufarbeitung zu kommen, müssen solche Kontinuitäten und Ursprünge von Denkmustern aufgedeckt werden. Auch in aktuellen Debatten um die Zukunft von Arbeit, täte es gut, wenn wir die Idee von Arbeit weiter dekonstruieren und von einmal erdachten und nie wieder hinterfragten Aspekten trennen würden. Die radikale Linke sollte Diskussionen, etwa um das bedingungslose Grundeinkommen, nutzen, um auf ein möglichst gutes Leben für Alle, mit möglichst wenig Arbeit und viel Müßiggang, hinzuarbeiten und nicht auf eine Erhaltung des Arbeitsethos eines Martin Luther.

 

Das Titelbild wurde hier entliehen.

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