Beginnt die Bildungsrevolution mit einem Workshop?

Eindrücke vom Jungen Bildungskongress 2015

„Was bildet ihr uns ein?“ lautet der provokante Titel eines Buches, das mir vor circa zwei Jahren zum ersten Mal in die Hände fiel. Es ist ein Sammelband, der kritische Stimmen aus den unterschiedlichsten Ecken aufnimmt und miteinander vereint. Daraus ergibt sich eine erfrischende Kombination aus wissenschaftlicher Sicht und persönlichen Erfahrungen der sogenannten Bildungsbetroffenen.

Bildungsbetroffene. Was für ein passendes Wort! Schön, weil es nicht nur Schüler*innen einschließt, sondern alle, die in irgendeiner Art und Weise mit dem System Bildung in Kontakt kommen. Besonders schön, weil es den negativen Beigeschmack transportiert, der für viele zum bitteren Hauptgericht ihrer Bildunsgkarriere wird. Außerdem gegendert – gibt einen Bonuspunkt.

Aus besagtem Sammelband gründete sich schließlich ein Verein und dieser veranstaltete am vergangenen Wochenende (30./31.05.15) zum zweiten Mal einen Jungen Bildungskongress. Ein Kongress mit jeder Menge Platz für Utopie- und Revolutionsgedanken. Ein Kongress für Menschen, deren Kritik am Bildungssystem so umfassend ist, dass es kaum reichen würde, dieses drei mal auf den Kopf zu stellen. Bemerkenswert finde ich, dass die Veranstaltung so barrierearm wie möglich gehalten wurde. Der Eintritt war frei, genauso wie das vegane Mittag- und Abendessen.

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Das konnte ich mir nicht entgehen lassen!

Der Samstag begann mit einer Podiumsdiskussion zwischen Philipp Breder (Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen), Katjuscha von Werthern (Wissenschaft & Praxis demokratischer Schulentwicklung) und Jürgen Zöllner (Bildungssenator a.D.). Moderiert wurde diese von Mohamed Amjahid. Ich persönlich konnte aus diesem Schauspiel besonders folgendes mitnehmen:

Frau von Werthern widmet sich einer unfassbar spannenden Sache, der meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit gebührt und Herr Zöllner ist mir unsympathisch. Mir missfiel sein Plädoyer für die Elitenförderung, weil es davon ausging, dass es Menschen gibt, die besondere Fähigkeiten und Talente haben, und Menschen bei denen dies nicht der Fall ist. Zudem empfand ich es als unangenehm, wie er teils ohne Fragebezug lobte, was er in der Vergangenheit in Eigenleistung politisch auf den Weg gebracht hat. Andererseits glaube ich, dass Politiker*innen viel zu selten ein ehrliches Lob erfahren – vielleicht ist seine Art eine ganz gute Taktik, um selbst motiviert zu bleiben.

Die Podiumsdiskussion wurde von einem vakanten Stuhl belebt, der nach Belieben von Menschen aus dem Publikum besetzt wurde. So mischte sich auch Dorothea Schütz aktiv in die Diskussion ein. Sie erarbeitete gemeinsam mit Dr. Marcus Hildebrandt das Konzept zur demokratischen Schulentwicklung, an dem sich auch Katjuscha von Werthern orientiert. Interessierte bitte hier entlang.

Nach der Diskussionsrunde teilten sich alle in die angebotenen „Zukunftswerkstätten“ auf, die da waren:

  • Vielfalt in Bildung

  • Lehrer_in von morgen

  • Frühkindliche Bildung & Partizipation

  • Hochschule & Wirtschaft

Ich entschied mich für Vielfalt in Bildung

Was ist Vielfalt?

Wir wuselten alle durch den Raum – „Was bedeutet Vielfalt?“ – alle blieben stehen, fanden sich in 3er-Grüppchen zusammen und versuchten die Frage zu beantworten. „Heterogenität“ sagte meine Gruppenpartnerin. Darauf viel uns nichts Ergänzendes ein. Wir hätten darüber sprechen können, worauf sich Vielfalt für uns bezieht, doch das taten wir nicht.

Alle wuselten erneut; „Was hast du mit Vielfalt und Bildung zu tun?“ Eine war angehende Lehrerin, die andere arbeitete mit Gehörlosen zusammen und ich?

Tja, auf den ersten Blick nichts. Ich habe weder auf Lehramt studiert, noch arbeite ich im pädagogischen Bereich. Und trotzdem fühle ich mich betroffen. Ich bin in einer sächsischen Kleinstadt zur Schule gegangen, da gab es keine Vielfalt. Später habe ich oft an mir beobachten können, wie unsicher mich das im Umgang mit Menschen hat werden lassen, die auf irgendeine Weise von gesellschaftlich getragenen Normen abweichen. Am schwersten fällt mir der Umgang mit geistig oder körperlich schwer mehrfach behinderten Menschen. Das ist sehr bedauerlich! Mittlerweile habe ich Kindergartenkinder erleben dürfen, die ausgelassen und ohne jede Scheu mit geistig behinderten Kindern gemeinsam in einer Gruppe spielen. Diese Normalität im Umgang miteinander finde ich fantastisch und erstrebenswert.

Erneutes Wuseln: „Welche Erfahrungen hast du in deiner Schulzeit mit Vielfalt gemacht?“

Die Antworten in meinem Grüppchen waren schnell gegeben: „Keine.“

Kritik – Utopie – Realisierung

20150530_124426Der Workshop bestand aus diesen drei Phasen. 20150530_124545

Zunächst sammelten wir unsere ärgsten Kritikpunkte und bildeten daraus Themencluster. Zu jedem Cluster fanden sich Menschen, die daran arbeiten wollten. Ich entschied mich für „Inhalte“.

Danach folgte ein Ausflug in unsere wildesten utopischen Gedanken. 20150530_124442Abgeschaffte Noten. Alle Inhalte barrierefrei zugänglich für alle. Freiräume. Lehrende, die aus Freude arbeiten. Sozialpädagogische Unterstützung. Vielfalt als Zugewinn. Keine Hierarchisierung der Fächer nach wirtschaftlichen Faktoren. Raus aus dem Klassenzimmer. Inhalte, die sich an den Schüler*innen orientieren……..

20150530_124458Bei unseren angeregten Diskussionen kamen wir selbstverständlich nicht um eine umfassende Kapitalismuskritik herum. Sympathische Menschen. Besonders schön fand ich, dass ausnahmslos alle in meiner Gruppe gegendert gesprochen haben – würde ich gern öfter erleben!  Hier die abstrakte Zusammenfassung unserer Gedanken:20150530_145155

In der abschließenden Realisierungsphase überlegten wir uns, welche kleinen Schritte gegangen werden könnten, um unserer Utopie ein Stück näher zu kommen. Das war gar nicht leicht. Speziell meine Gruppe kam zu keinem konstruktiven Ergebnis, nachdem wir zu viel Zeit damit vertaten darüber zu philosophieren, in wie weit ein Bedingungsloses Grundeinkommen viele unserer Ideen möglich machen würde.

Abschließend wählten wir den Realisierungsvorschlag, der uns am besten gefiel. Absurderweise wurde es der unsrige. „Die Forderung nach Diversität als Bewertungskategorie in den Zulassungsstellen für Schulbücher“ Blöd war nur, dass wir erst nach der Wahl realisierten, dass es in Berlin eine derartige Stelle gar nicht gibt. Hier entscheiden die jeweiligen Schulkonferenzen über die zu nutzenden Lehrmaterialien. Keine Ahnung, wie wir darauf Einfluss nehmen könnten. Oder ob es überhaupt erstrebenswert ist politischen Einfluss auf diese Gremien zu nehmen?

Am Abend wurden aus allen Gruppen die gewählten Ergebnisse in einer Fishbowl vorgestellt. Besonders Anklang fand hier die Idee, dass es für Lehramtsstudierende verpflichtend sein sollte ab dem 1. Semester ein mal pro Woche Zeit an der Schule zu verbringen. Dadurch würden Menschen schon frühzeitig die Chance bekommen zu realisieren, dass die Schule doch kein Arbeitsumfeld für sie ist. Nicht erst nachdem sie schon 3 Jahre Studium hinter sich gebracht haben.

Nach dieser letzten Debatte des Tages waren alle ganz schön erschöpft. Der Abend wurde durch köstliche Gemüsespaghetti mit Möhrensoße, Sonnenblumenkerne und heiteres Beisammensein perfekt abgerundet.

Die meisten wollten früh schlafen gehen, denn Sonntagvormittag ging es weiter. Allerdings ohne mich. Demnächst soll es auf der Wbiue?-Homepage Protokolle aus allen Workshops zum Nachlesen geben.

Zusammenfassend kann ich festhalten, dass die Bildungsrevolution an diesem Wochenende nicht losgetreten wurde. Aber es ist etwas anderes Wichtiges geschehen. Kontakte wurden geknüpft und Ideen ausgetauscht. Damit wächst das Netzwerk aktiver Menschen, die unsere gesellschaftliche Vorstellung von Bildung in die Moderne hieven wollen. Ich bin mir sicher, dass sie alle an den verschiedensten Stellen Ideen pflanzen und Steine ins Rollen bringen.

Lust auf mehr Eindrücke vom Jungen Bildungskongress 2015?

Hier gelangt ihr zu Marc Schakinnis Blogbeitrag über die Zukunftswerkstatt Hochschule und Wirtschaft. Außerdem gibt es einen liebevoll gestalteten Videozusammenschnitt von dem Wochenende.

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2 thoughts on “Beginnt die Bildungsrevolution mit einem Workshop?

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